Sitzt du noch im Wartezimmer oder vor der Webcam? Coronas großer Schub für die Human-Telematik

Ärzt:innen kritisieren häufig noch die mangelnde Interoperabilität telemedizinischer Systeme. Bild: Pixabay

Berlin/Bochum, 16.11.2020 (msc).

Die Coronakrise hat auf verschiedensten gesellschaftlichen und beruflichen Ebenen zu einer verstärkten Nutzung digitaler Angebote geführt. Sei es Homeschooling oder Homeoffice, Arztbesuch oder einfach der Kontakt zu Familienangehörigen – manches ging auf einmal nur noch online. Gerade für Menschen, die zur Risikogruppe zählen und eher öfter zum Arzt gehen als der Durchschnitt, war die digitale Sprechstunde eine lebensschützende Maßnahme. Doch wie stark wurden die Angebote genutzt, und wie nachhaltig wird der Effekt sein? Und welche Nachteile gibt es vielleicht?

Grafik zur Bitkom-Studie. Bild: Bitkom

Der Digitalverband Bitkom hat schon zu Beginn der Verbreitung des Coronavirus in Deutschland Zahlen zum Thema erhoben. Bei einer repräsentativen Umfrage, die in der ersten Märzhälfte durchgeführt wurde, also noch vor dem bundesweiten Lockdown, sprachen sich zwei Drittel der Befragten für das Angebot von Online-Sprechstunden aus. Ein Jahr zuvor, quasi in der alten Normalität, waren es gerade mal 30 Prozent. Klar: Wer nur virtuell zum Arzt geht, schützt sich und andere – und auf der anderen Seite des Schreibtisches sieht es genauso aus, gehören doch Ärzt:innen und Pflegepersonal zu den besonders gefährdeten Gruppen. „Wir müssen die schon vorhandenen Möglichkeiten jetzt konsequent ausbauen und in die Fläche bringen“, forderte Ende März Bitkom-Präsident Achim Berg. Entsprechende Voraussetzungen waren schon 2018 mit der Lockerung des Fernbehandlungsverbots geschaffen worden. Damit durften Ärzt:innen auch unbekannte Patienten in Einzelfällen ausschließlich telemedizinisch behandeln. Bis Anfang 2020 hatten die Landesärztekammern in 15 Bundesländern sich angeschlossen.

Auch das Terminservice-Gesetz, das 2019 in Kraft trat, beinhaltete verbesserte Voraussetzungen für die Telemedizin. So wurden Krankenversicherungen verpflichtet, in Gegenden mit zu wenig Ärzt:innen eigene Praxen oder „mobile und telemedizinische Versorgungs-Alternativen“ anzubieten. Zudem wurden die Krankenkassen verpflichtet, bis spätestens 2021 ihren Versicherten die lange umstrittene elektronische Patientenakte anzubieten. Die Bitkom-Umfrage vom März spiegelte aber noch viel größere Hoffnungen wieder, die die Befragten in die digitale Technik setzen: 84 Prozent sagten, digitale Technologien könnten dabei helfen, mehr über das Coronavirus zu erfahren und auch dazu beitragen, ein Gegenmittel zu finden, etwa durch die automatisierte Analyse von Patientendaten.

Virtuelle Krankschreibung besonders erfolgreich

Bitkom-Präsident Achim Berg © BitkomDass das Internet auch zu einer unverzichtbaren Informationsquelle für jeden Einzelnen in der Coronakrise geworden ist, zeigt eine weitere Bitkom-Umfrage, die Ende Mai veröffentlich wurde. Demnach nutzen mehr als 80 Prozent der Menschen in Deutschland Online-Quellen, um mehr über das Virus zu erfahren. Ein besonders stark genutztes Angebot, das in der Coronakrise gemacht wurde, war die virtuelle Krankschreibung. Wer Erkältungssymptome hatte, konnte ein Attest bekommen, ohne persönlich in die Praxis zu kommen. Dies galt, nach einmaliger Verlängerung, bis Ende Mai. Auch zu dieser Maßnahme ermittelte Bitkom eine hohe Zustimmung: Fast zwei Drittel wünschten sich eine Fortsetzung. 93 Prozent sprachen sich für einen Ausbau der digitalen Gesundheitsversorgung aus, 59 Prozent wollten, dass die Videosprechstunde künftig Standard ist. „Die Digitalisierung der Medizin und des Gesundheitswesens ist in vollem Gange. Elektronische Patientenakte, E-Rezept und die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung sind schon bald für die Versicherten verfügbar. Zugleich bauen Ärzt:innen telemedizinische Angebote wie Videosprechstunden aus und Startups entwickeln innovative Angebote, die die digitale Gesundheitsversorgung in Deutschland voranbringen“, sagte Berg Ende Mai.

[Bild: Bitkom-Präsident Achim Berg. Bildquelle: Bitkom]

Eine weitere, im September veröffentlichte Umfrage belegt, dass der Trend zur Digitalisierung inzwischen auch bei vielen Senioren angekommen ist, die aufgrund ihres Alters per se zu den Risikogruppen gezählt werden. 29 Prozent der Internetnutzer über 65 Jahren haben demnach Apps genutzt, die beim Sport, gesunder Ernährung oder anderen Gesundheitsthemen unterstützen – ein Anstieg gegenüber einer gleichlautenden Befragung im Januar, wo 25 Prozent diese Angabe machten.  Am stärksten genutzt wurden der Umfrage zufolge Apps, die Körper- und Fitnessdaten aufzeichnen, etwa die Herzfrequenz, Blutdruck oder gegangene Schritte. 22 Prozent der befragten Senioren hat solche Apps bereits verwendet. Wenn es speziell um Corona geht, ist die Zurückhaltung größer – noch. Apps, die Virus-Erforschung Daten sammeln, um etwa Rückschlüsse auf die Verbreitung zu ziehen, nutzten bislang sechs Prozent der Befragten. Offenheit scheint dennoch für solche Anwendungen vorhanden: Ein Drittel der befragten Senioren kann sich vorstellen, sie künftig zu verwenden.

“Explosionsartige Nachfrage” bei Ärzt:innen

Senioren und Patienten allgemein stehen der Digitalisierung im Gesundheitswesen also durchaus positiv gegenüber – wie sieht es bei den Medizinern aus? Rainer Beckers, Geschäftsführer des Zentrums für Telematik und Telemedizin in Bochum, ist sich gegenüber Telematik-Markt. de sicher: „Die Chancen der Telemedizin mit Anwendungen wie der Videosprechstunde oder Teletherapien wurden im Zuge der COVID-19-Pandemie von vielen Entscheidungsträgern erkannt und systematisch gefördert.“ Er verweist darauf, dass der Gemeinsame Bundesausschuss entschieden hat, dass Vertragsärztinnen und -ärzte zukünftig die Arbeitsunfähigkeit von Versicherten unter bestimmten Voraussetzungen auch per Videosprechstunde feststellen können. Und das hat bereits deutliche Folgen: „Diese Anpassung der Rahmenbedingungen durch die Selbstverwaltung hat dazu geführt, dass wir gegenwärtig von einer nahezu explosionsartigen Nachfrage bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sprechen können.“ Zuvor habe die tatsächliche Nutzung etwa ein Prozent der Fälle betragen.

[Bild: Rainer Becker, Geschäftsführer des Zentrums für Telematik und Telemedizin in Bochum. Bildquelle: A. Molatta]

Umfragen zeigen Beckers zufolge, dass inzwischen mehr als die Hälfte der Teilnehmenden mittlerweile Videosprechstunden in ihrer Praxis anbieten. „Gerade Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten nehmen die Möglichkeiten der Videosprechstunde wahr, weniger häufig wird sie von operativ tätigen Fachärztinnen und -ärzten genutzt.“  

Vorbehalte gebe es auf beiden Seiten des Behandlungsraums, räumt Beckers ein. In Diskussionen hätten Ärzt:innen etwa Angst vor einer sogenannten „Callcenter-Medizin“ gezeigt, „die den „Goldstandard“ des persönlichen Arzt-Patienten-Kontaktes bedrohen würde“.  Manche Ärzt:innen und ihre Vertreter gingen davon aus, dass zwischen Arzt und Patient größtenteils nonverbal, also über Mimik und Gestik, kommuniziert werde. „Deswegen gehen sie davon aus, dass eine Fernbehandlung niemals die gleiche Qualität haben kann wie eine persönliche. Auch Patientinnen und Patienten fürchten, dass sich die Arzt-Patient-Beziehung verschlechtern könnte, wie eine repräsentative Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zuletzt zeigte.“

Was den Ärzt:innen Beckers zufolge wichtig ist: „Dass die Produkte, die sie erwerben, sie in ihrer Arbeit entlasten und Prozesse vereinfachen. Das ist aber in der Praxis häufig noch nicht der Fall.“ Kritisiert würden, dass Hersteller auf eigene Datenformate setzen, die nicht untereinander kommunizieren und eine aufwendige Datenintegration nötig machen. „Das verhindert effiziente Marktstrukturen und die Verbreitung telemedizinischer Lösungen“, glaubt Beckers.

Chancen und Grenzen in der Zukunft – Intensivmedizin kann profitieren

Und welche telemedizinischen Angebote werden seiner Meinung nach zum Standard im Gesundheitswesen werden? Die Videosprechstunde habe sich etabliert, hat Beckers beobachtet. Sie habe jedoch ihre Grenzen. „Dann nämlich, wenn eine körperliche Befundung notwendig wird.  Eine solche Befundung auf Distanz wird realisierbar, wenn die Videosprechstunde durch Telemonitoring ergänzt wird. Es gibt zurzeit eine stürmische Entwicklung auf dem Gebiet der eDevices. Über solche intelligenten Blutdruck- oder mobile Ultraschallgeräte kann der Arzt die Vitaldaten seiner Patienten bekommen. Letztendlich ist alles also nur eine Frage des Equipments, welches der Patient zu Hause hat. Ich bin der Überzeugung, dass die Videosprechstunde in Kombination mit Telemonitoring die Zukunft ist und spreche mich entschieden dafür aus, dass das Telemonitoring als gleichwertig gegenüber analogen Verfahren anerkannt wird.“

In der Zukunft sieht Beckers auch im Bereich Teleintensivmedizin große Chancen. „Intensivmediziner müssen rund um die Uhr Bereitschaft zeigen. Dieses zentrale Qualitätsmerkmal der Intensivmedizin ist in der Fläche jedoch oft nicht umsetzbar. Gerade hier kann die Telemedizin einen wertvollen Beitrag zur flächendeckenden, qualitativ hochwertigen und wohnortnahen Versorgung leisten.“

Hausärzt:innen im Norden: Normalisierung, aber Offenheit für Neuerungen

Wie wird die Entwicklung bei den Ärzt:innen vor Ort in der Fläche gesehen? Dr. Jens Lassen, 2. stellvertretender Vorsitzender des Hausärzteverbands Schleswig-Holstein, gibt an, dass die Hausärzt:innen in der Corona-Pandemie bislang stark improvisieren mussten. Patienten hätten die Praxen im Frühjahr gemieden, „da sie Angst vor einer Ansteckung hatten und aufgerufen waren, zu Hause zu bleiben. Anfangs ohne Schutzkleidung ausgestattet mussten die Patient:innen aber natürlich weiterversorgt werden - und nicht zuletzt wurden auch 6 von 7 COVID-Patient:innen durch uns Hausärzte behandelt - und nicht im Krankenhaus“. Dabei habe Telemedizin „durchaus eine Rolle gespielt: Videosprechstunden mit Kranken, Video-Visiten in den Alten- und Pflegeheimen“, nennt Lassen als Beispiele.

Dr. Jens Lassen, 2. stellvertretender Vorsitzender des Hausärzteverbands Schleswig-HolsteinAuch er hat beobachtet, dass der Anteil an Videosprechstunden während der Pandemie deutlich zugenommen hat, auch wenn er für sich einschränkt: „Mittlerweile hat sich die Nutzung wieder normalisiert und ist auf das alte Maß zurückgekehrt, zumindest beobachte ich das in unserer Praxis.“ Speziell für Schleswig-Holstein verweist Lassen auch auf das Projekt „Telemedizin im ländlichen Raum", an dem der Hausärzteverband beteiligt ist, das unter anderem Videotelefonie und digitalen Austausch von Ärzt:innen verschiedener Fachrichtungen beinhaltet.

[Bild: Dr. Jens Lassen, 2. stellvertretender Vorsitzender des Hausärzteverbands Schleswig-Holstein. Bildquelle: Hausärzteverband Schleswig-Holstein im Deutschen Hausärzteverband e.V.]

Lassens Eindruck: Die Hausärzteschaft sei den Neuerungen gegenüber „durchaus aufgeschlossen“– nur „immer unter der Maßgabe, dass das Projekt ein sinnvolles ist, was sowohl den Patient:innen als auch den Hausärzt:innen nützt. Nicht jedes telemedizinische Projekt kann zur Serienreife taugen.“

VdK-Präsidentin Bentele: “Qualität, Sicherheit und Datenschutz” beachten

Auch der Sozialverband VdK lobt die Digitalisierung im Gesundheitswesen. „Wir sehen diese Entwicklungen positiv. Es bieten sich große Chancen“, sagt Präsidentin Verena Bentele auf Anfrage von Telematik-Markt.de. Sie gibt allerdings zu bedenken, dass der Nachholbedarf in Deutschland erheblich sei. „Ein Beispiel: Die verfügbare elektronische Gesundheitskarte. Sie bringt bisher keinen messbaren Zusatznutzen im Vergleich zur alten Krankenversicherungskarte.“

Verena Bentele VdK-PräsidentinBentele weist auch darauf hin, was bei der Entwicklung beachtet werden muss. „Wichtig für uns ist: Das Selbstbestimmungsrecht der Patientinnen und Patienten muss stets gewahrt bleiben. Die Entscheidungshoheit über Speicherung und Freigabe der Daten muss bei den Menschen bleiben. Telemedizin bietet besonders in den ländlichen Bereichen mit Ärztemangel große Möglichkeiten. Unter einer Voraussetzung: Telemedizin darf den Arzt-Patienten-Kontakt nicht ersetzen. Alle neuen Leistungen verstehen wir als Ergänzungen zum bisherigen Angebot.“ Außerdem benötigten alle Haushalte Breitband-Internetzugänge, um überhaupt profitieren zu können. „Das gehört zur Grundversorgung.“

[Bild: Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK. Bild: VdK]

Durch die Corona-Pandemie habe sich der entsprechende Bedarf und Mehrwert aus Sicht des VdK bestätigt. „Viele unserer Mitglieder gehören zur Risikogruppe. Sie müssen besonders vor einer möglichen Infektion geschützt werden. Gleichzeitig benötigen diese Menschen oft Untersuchungen und Behandlungen, Unterbrechungen haben schwere negative Folgen. Hier kann Telemedizin einen wichtigen Beitrag leisten. Auch das Angebot von digitalen Gesundheitsanwendungen sehen wir positiv.“ Unverzichtbar dabei allerdings: „Wirksamkeit und Datenschutz müssen gewährleistet sein. Wir fordern, dass medizinische Apps in der Gesundheitsversorgung als Medizinprodukte zertifiziert werden, sprich, die Apps müssen alle Anforderungen an Qualität, Sicherheit und Datenschutz erfüllen.“

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