Nachteile für E-Pioniere? Wie die Automobilbranche die E-Transformation erlebt

Die deutsche Automobilindustrie steckt mitten in einer der tiefgreifendsten Umbruchphasen ihrer Geschichte. Bild: chuttersnap/unsplash
Die deutsche Automobilindustrie steckt mitten in einer der tiefgreifendsten Umbruchphasen ihrer Geschichte – und das offenbar stärker als die öffentliche Debatte vermuten lässt. Eine Ende 2025 abgeschlossene Unternehmensbefragung im Rahmen des europäisch geförderten Forschungsprojekts EMPOCI, durchgeführt von der Universität Sussex in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI, zeichnet ein differenziertes Bild der Branche. Grundlage sind 74 Telefon- und Online-Interviews mit Führungskräften aus Fahrzeugherstellung, Zulieferung und weiteren Teilen des automobilen Ökosystems. Rund zwei Drittel der Befragten sind Zulieferbetriebe, mehr als drei Viertel zählen zu den kleinen und mittleren Unternehmen – ein Querschnitt also, der weniger die großen Konzernzentralen als vielmehr das industrielle Rückgrat der Branche abbildet.
Das Ergebnis überrascht: Über 20 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, ihre Geschäftstätigkeit bereits vollständig auf Elektromobilität ausgerichtet zu haben. Weitere knapp 40 Prozent bezeichneten sich als weit fortgeschritten im Transformationsprozess. Zusammen bilden sie die Gruppe, die die Forschenden als „Vorreiter" bezeichnen – Unternehmen, die nicht auf den nächsten politischen Impuls gewartet, sondern frühzeitig in Zukunftstechnologien investiert haben.
Zwei Geschwindigkeiten, eine Branche
Neben den Vorreitern existiert eine zweite Gruppe, die die Studie als „Nachzügler" klassifiziert. Ungefähr jedes vierte befragte Unternehmen hat zwar mit der Neuausrichtung begonnen, befindet sich nach eigener Einschätzung aber noch in einem frühen Stadium. Jedes achte Unternehmen hat bislang keine nennenswerten Schritte in Richtung Elektromobilität unternommen. Diese Spaltung der Branche ist mehr als eine statistische Beobachtung – sie hat unmittelbare politische Konsequenzen, wie das zugehörige Strategiepapier darlegt.
Bemerkenswert ist dabei, dass trotz des allgemeinen Transformationsdrucks mehr als ein Drittel jener Unternehmen, die Innovationsaktivitäten meldeten, auch weiterhin in Verbrennertechnologie investiert. Insgesamt gaben über drei Viertel der Befragten an, in den vergangenen drei Jahren Innovationsmaßnahmen durchgeführt zu haben – mit einem klaren Schwerpunkt auf Elektromobilität und Digitalisierung. Technologieoffenheit und strategische Absicherung gehen also für viele Betriebe noch Hand in Hand.
Was die Branche von der Politik erwartet
Bei der Frage, welche politischen Maßnahmen die Transformation am effektivsten unterstützen würden, zeigt sich ein bemerkenswerter Konsens. Mehr als 80 Prozent der befragten Unternehmen sprechen sich für stärkere staatliche Investitionen in Bildung, Forschung und Innovation aus. Ebenso viele fordern niedrigere Strompreise – und zwar nicht als sektorspezifisches Privileg für die Industrie, sondern als gesellschaftlich breite Entlastung. Beide Maßnahmen werden unabhängig vom Transformationsstatus der Unternehmen befürwortet.
Deutlich kontroverser wird die Frage nach den CO₂-Flottengrenzwerten bewertet. Rund drei Fünftel der Befragten stehen einer Lockerung der bestehenden Vorgaben skeptisch gegenüber – ein klares Signal gegen die aktuelle Tendenz einiger politischer Akteure, den regulatorischen Rahmen abzumildern. Gleichzeitig wünschen sich über 80 Prozent flankierende Maßnahmen, die die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen gezielt stärken. Der Ruf nach Verlässlichkeit ist dabei ebenso laut wie der nach konkreter Unterstützung.
Glaubwürdigkeit als Investitionsfaktor
Ein zentraler Befund der Studie betrifft nicht die Inhalte einzelner Förderprogramme, sondern etwas Grundlegenderes: die wahrgenommene Glaubwürdigkeit des politischen Willens zur Transformation. Die Forschenden haben diesen Faktor im Zeitverlauf analysiert und dabei markante Wendepunkte identifiziert. Als die Tesla-Gigafactory im März 2022 in Brandenburg eröffnet wurde, war der politische Rückenwind nach Einschätzung der Unternehmen am stärksten spürbar. Im November 2023 folgte ein drastischer Einbruch: Die verfassungsbedingte Haushaltskrise der damaligen Bundesregierung führte zu abrupten Kürzungen bei der E-Mobilitätsförderung – und hinterließ tiefe Spuren im Vertrauen der Industrie.
Seitdem erholt sich die wahrgenommene politische Glaubwürdigkeit nur zögerlich und verharrt auf niedrigem Niveau. Die Folge ist strukturell: Wenn Unternehmen politische Versprechen nicht als verlässlich einstufen, verschieben oder reduzieren sie ihre Investitionsentscheidungen. Das Forschungsteam warnt ausdrücklich davor, dass häufige Kurswechsel nicht nur einzelne Förderprogramme entwerten, sondern die gesamte Innovationsdynamik einer Branche lähmen können.
Vorreiter im Nachteil – Nachzügler bevorzugt?
Besonders aufschlussreich ist die Analyse nach Unternehmenstypen. Die Vorreiter – also jene, die bereits umfangreich in Elektromobilität investiert haben – sprechen sich mit großer Mehrheit für die Beibehaltung des EU-weiten Verbrennerverbots ab 2035 aus und lehnen eine Aufweichung der Flottengrenzwerte entschieden ab. Für sie bedeutet Regulierungssicherheit den Schutz bereits getätigter Investitionen und die Planbarkeit zukünftiger Vorhaben.
Nachzügler hingegen bevorzugen eine Verlangsamung des Ausstiegs und bewerten das Verbrennerverbot deutlich weniger positiv. Das stellt die aktuelle politische Debatte in Deutschland vor eine grundlegende Frage: Wen vertritt eine Lockerung des regulatorischen Rahmens eigentlich? Das Forschungsteam stellt fest, dass eine Abschwächung bestehender Ausstiegsvorgaben faktisch jene Unternehmen benachteiligt, die frühzeitig und couragiert auf die richtige Technologie gesetzt haben – und jene begünstigt, die den Wandel bislang verzögert haben. Die Chance, eine globale Führungsrolle im Innovationswettbewerb zur Elektromobilität einzunehmen, könnte so verspielt werden, bevor sie vollständig ergriffen wurde.
Das Strategiepapier, das in Zusammenarbeit mit Forschenden der Universitäten Sussex, Oldenburg und Wien sowie des Deutschen Instituts für Entwicklung und Nachhaltigkeit IDOS entstanden ist, leitet daraus klare Handlungsempfehlungen ab: statt häufigem Nachjustieren eine Stabilisierung des bestehenden politischen Rahmens, ergänzt durch gezielte Nachfragestimulierung und verlässliche Investitionsbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Die Botschaft ist eindeutig – ein konsistenter, glaubwürdiger Kurs nützt der gesamten Branche mehr als gut gemeinte Flexibilität, die am Ende nur Verunsicherung produziert. Quelle: Fraumhofer ISI










