SAP S/4HANA Public Cloud: Standardisierung wird zur strategischen Entscheidung

Zug (CH)/St. Ingbert (DE), 08.10.2026.

Standardisierung stellt für viele Unternehmen das Gegenteil von Individualisierung dar. Allerdings muss der Wandel hin zu einem standardisierten IT-System wie der SAP S/4HANA Public Cloud nicht mit einem vollständigen Verzicht auf individuelle Funktionen gleichgesetzt werden – sondern kann auch einen technologischen Wandel einleiten, der die etablierten Prozesse und Strukturen kritisch hinterfragt. 

„Die von SAP ausgerufene Clean-Core-Strategie soll Unternehmen etwa dabei unterstützen, Erweiterungen hinsichtlich ihrer technischen Architektur, Wartbarkeit und Upgradefähigkeit zu bewerten. Denn in vielen Unternehmen, etwa im Handel, werden die historisch gewachsenen IT-Landschaften mehr und mehr zur Herausforderung“, sagt Samira Huber, CC-Leiterin bei retailsolutions, und ergänzt: „Was ursprünglich dazu diente, betriebliche Abläufe möglichst passgenau abzubilden, kann bei der Einführung neuer Technologien oder bei einem Wechsel auf die Public Cloud zum Hindernis werden.“

Change-Management entscheidend

Beispielsweise im Handel schreitet die Einführung der SAP S/4HANA Public Cloud bislang vergleichsweise langsam voran. Zu den Ursachen gehört insbesondere die hohe Individualisierung bestehender ERP-Systeme. Viele Retailer haben ihre Prozesse über Jahrzehnte hinweg an spezifische Geschäftsmodelle, organisatorische Strukturen und betriebliche Anforderungen angepasst. Vor einem Umstieg besteht die Herausforderung aber nicht allein darin, vorhandene Funktionen in ein neues System zu übertragen. Vielmehr müssen Unternehmen ihre bisherigen Abläufe hinterfragen und prüfen, inwieweit diese mit den standardisierten Prozessen der Public Cloud vereinbar sind. „Gerade bei stark individualisierten ERP-Landschaften kann dies erhebliche organisatorische Veränderungen nach sich ziehen. Der Fokus sollte deshalb nicht nur auf der technischen Umsetzung liegen, sondern auch im Change-Management. Beschäftigte müssen bereit sein, etablierte Arbeitsweisen zu ändern und neue Prozesse zu akzeptieren“, so Huber.

Individuelle Konfigurationen weiterhin möglich

Trotz des konsequenten Standardansatzes müssen Handelsunternehmen in der SAP S/4HANA Public Cloud nicht vollständig auf individuelle Anpassungen verzichten. Innerhalb definierter Grenzen lassen sich bestimmte Einstellungen über die Konfiguration anpassen. Darüber hinaus ermöglicht die Key-User-Extensibility, zusätzliche Felder oder individuelle Logiken an vordefinierten Stellen einzubinden. „So lassen sich beispielsweise ergänzende Referenzfelder in Buchungsbelegen einrichten, wenn spezifische Anforderungen in der Zusammenarbeit mit Lieferanten dies erforderlich machen“, berichtet Andreas Lückler, Consultant bei retailsolutions, und ergänzt: „Für komplexere Erweiterungen steht die Side-by-Side-Extensibility zur Verfügung. Dabei werden zusätzliche Funktionen außerhalb des eigentlichen ERP-Kerns entwickelt und über Schnittstellen angebunden. Die SAP Business Technology Platform (BTP) bietet hierfür entsprechende Möglichkeiten.“ Damit können auch Anforderungen umgesetzt werden, die über den Funktionsumfang des Standards hinausgehen. Allerdings ist nicht jede technisch realisierbare Erweiterung auch wirtschaftlich sinnvoll. Umfangreiche Sonderentwicklungen können die Komplexität erhöhen und den ursprünglichen Vorteilen eines standardisierten Cloud-Systems entgegenwirken.

Clean Core als Grundlage für langfristige Flexibilität

Das Ziel, den Kern des ERP-Systems möglichst unverändert zu halten und individuelle Erweiterungen außerhalb des Standards anzusiedeln, bietet verschiedene Vorteile, insbesondere bei Softwareupdates. Neue Funktionen werden regelmäßig bereitgestellt, ohne dass Unternehmen eigenständig umfangreiche Releaseprojekte durchführen müssen. „Dies ist insbesondere für Unternehmen von Vorteil, die notwendige Modernisierungen bislang aufgrund fehlender personeller Kapazitäten, hoher Projektkosten oder komplexer Systemabhängigkeiten aufgeschoben haben“, erläutert Huber. Auch der Wartungsaufwand reduziert sich und für eventuelle Fehler und technische Probleme innerhalb des Systemkerns ist SAP zuständig. „Da individuelle Erweiterungen nicht unmittelbar in den Systemkern eingreifen, gibt es auch nur ein geringes Risiko, dass kundenspezifische Modifikationen bei einem Releasewechsel überschrieben werden“, erklärt Lückler. Clean Core bedeutet somit nicht, dass jeglicher Anpassungsbedarf entfällt. Vielmehr verändert sich die Art und Weise, wie individuelle Anforderungen technisch umgesetzt und langfristig betreut werden.

Nicht jedes Geschäftsmodell passt zur Public Cloud

Trotz der Vorteile standardisierter Systeme ist die S/4HANA Public Cloud nicht für jedes Unternehmen gleichermaßen geeignet. Entscheidend ist, inwieweit die spezifischen Geschäftsprozesse eines Unternehmens mit dem vorgesehenen Standard vereinbar sind. Bestehen zahlreiche geschäftskritische Anforderungen, die sich nur durch umfangreiche Erweiterungen abbilden lassen, muss der wirtschaftliche Nutzen einer Public-Cloud-Einführung kritisch geprüft werden. „In solchen Fällen können On-Premise- oder Private-Cloud-Lösungen aufgrund ihrer größeren Anpassungsmöglichkeiten weiterhin geeignete Alternativen darstellen. Allerdings gehen diese Freiheiten in der Regel mit einem höheren Implementierungsaufwand sowie einer komplexeren Wartung einher“, sagt Huber abschließend. Quelle: retailsolutions AG

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