‘Taktiler Farbkompass‘ ermöglicht Blinden und Sehgeschädigten das Fühlen von Farben

Der Taktile Farbkompass wird in Anlehnung an den Farbkreis als Lerninstrument eingeführt. Bild: Taktilesdesign GmbH

Pansdorf, 12.11.2020.

Farben mit den Händen fühlen, das ermöglicht ein ‘Taktiler Farbkompass‘.

Taktiler Farbkompass: Farben mit den Händen fühlen. Bild: Taktilesdesign GmbH

Er schärft generell den Tastsinn und dient der Inklusion als neues Medium. In enger Zusammenarbeit mit Blindenpädagogen und deren Schülern entwickelt die Taktilesdesign GmbH ein haptisches Spektrum aus Oberflächenstrukturen und Materialien, anhand dessen sich die entsprechenden Farben intuitiv zuordnen lassen.

Durch die gemeinsame Entwicklungsarbeit und den engen Austausch mit Sehbeeinträchtigten ist es beim Taktilen Farbkompass gelungen, die Assoziationen zwischen Farben, haptischer Struktur und Oberflächenmaterial besonders natürlich und einprägsam zu gestalten. So bestehen deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Oberflächen des Farbkompass, die das Erlernen, Zuordnen und Verinnerlichen vereinfachen.
 

Wie sich Farben anfühlen

Eine wichtige Grundlage für die Kreation eines eingängigen Schemas bildet auch das Buch ‚Gemeinsam kreativ‘ von Susann Lokatis-Dasecke und Bärbel Wolter, das sich mit integrativem Kunstunterricht für blinde Schülerinnen und Schüler befasst.

Während Grün beispielsweise durch silikonartiges Material mit einer wellenförmigen Oberfläche vermittelt wird, weist Rot eine samtige Haptik auf. Für Schwarz wurde eine harte und raue Oberfläche ähnlich Schleifpapier gewählt, wohingegen Grau sich mit einer Schliffstruktur vergleichen lässt.

Um die Zuordnung noch einfacher und präziser zu machen – oder auch für spezielle Einsatzzwecke – haben die Taktilesdesign Entwickler zusätzlich die Ebene der Gerüche vom Landesförderzentrum Sehen in Schleswig übernommen. Auch diese sind nach natürlichen Vorbildern selektiert, um eine instinktive Erkennung zu erreichen: Grün ist in diesem Fall Minze, Rot Zimt, Schwarz Anis und Weiß Vanille. Insgesamt besteht die Bandbreite des Taktilen Farbkompass aus elf verschiedenen Farben bzw. Oberflächen.

Der Taktile Farbkompass wird in Anlehnung an den Farbkreis als Lerninstrument eingeführt. Er entsteht  durch additive Fertigung, dem sogenannten 3D-Druck, mit neusten harten und weichen Materialien, die kalte und warme Haptik vermitteln sollen. Neu ist hier, dass Farbe und Relief gleichermaßen sehenden und blinden Menschen eine gemeinsame Interaktion ermöglicht.
 

Ein Farbkompass, elf Farben, vielfältige Einsatzgebiete

Die Einsatzzwecke sind laut Taktilesdesign grenzenlos, die Möglichkeiten seien äußerst vielfältig und auch auf individuelle Umsetzungen anpassbar, heißt es von Sylvia Goldbach und Eric Bahr aus der Lübecker Agentur für taktiles Design: „Den Farbkompass und das gesamte System dahinter als Lehr- und Lernbasis in Blindeschulen zu verwenden, ist natürlich die naheliegendste Möglichkeit, zumal er gemeinsam mit blinden Schülerinnen und Schülern entwickelt wurde. Darüber hinaus ist besonders die Verwendung bei Karten, Modellen und Alltagshilfen denkbar. Konkrete Ansätze gibt es bereits im Bereich der Museen, in denen bestehende Exponate als Tastbilder adaptiert werden können. Auch im Bereich der Orientierung und Mobilität für Blinde und Sehgeschädigte ließe sich durch das Farbkompass-System ein deutlich erweiterter Spielraum eröffnen.“

Unter dem Aspekt der Inklusion ist der Taktile Farbkompass für ein ‚Miteinander‘ und ‚Aufeinander eingehen‘ in alle Richtungen zu verstehen. So sollen die verschiedenartigen Oberflächen als Hilfestellung für Blinde dienen und Interesse und Neugier bei Sehenden wecken, deren Tastsinn schulen und langfristig ein sensibleres Verständnis für Sehbeeinträchtigungen stärken.
 

Farben neu erfunden

Der Grundgedanke, Farben fühlbar zu machen ist naheliegend und nicht gänzlich neu. Ähnliche Lösungsansätze bestehen bereits, sind jedoch in puncto Informationsgehalt deutlich reduzierter, beispielsweise durch die Unterscheidung von lediglich zwei Ebenen wie hoch und tief. Die Farbkompass-Entwicklung von Taktilesdesign weist elf verschiedene Farben bzw. die entsprechenden Muster, Strukturen und Reliefs auf. Dennoch gilt auch hier: So viel wie nötig und so wenig wie möglich, denn eine zu große Vielfalt erschwert das eindeutige Unterscheiden und Wiedererkennen.

Mit dieser Lösung konnten die Entwickler bereits beim Digitalisierungspreis Schleswig-Holstein 2020 überzeugen und befinden sich im Finale des internationalen Design-Wettbewerbs purmundus challenge.

Die Taktilesdesign GmbH steht als formgebende Kraft hinter dem Taktilen Farbkompass. Durch das Zusammentragen und Weiterentwickeln bereits erarbeiteter Kenntnisse und Informationen, die enge Zusammenarbeit mit Pädagogen und nicht zuletzt auf Grundlage fundierter Erfahrung in der Entwicklung von 3D Oberflächentexturen wurde der Kompass zu einem greifbaren Projekt für alle Beteiligten. Quelle: Taktilesdesign GmbH

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